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Die Wahrheit siegt, aber sie kann nur siegen, wenn sie gesagt wird. (Johann Hus 1369-1415)

Good old Europe 2012

Gerade in der jetzigen Zeit, in der die europäische Kultur sich mit vielen anderen Kulturen und Religionen konfrontiert sieht und europäische Werte in ihrem Kern bedroht zu sein scheinen, stellt sich mehr denn je die Frage, was an der europäischen Kultur als Überlebens- und Erhaltenswert gilt. Wofür lohnt es sich zu kämpfen, um es für die Nachwelt zu erhalten, und was kann und soll von anderen Kulturen übernommen werden, ohne dabei europäische Errungenschaften zu verraten. Am 12.April 2012 hat Egon Kapellari im Rahmen der 4.Seggauer Gespräche das europäische Selbstverständnis umschrieben: „Europa ist im Lauf der bisherigen Kirchengeschichte am längsten und fundamentalsten vom Christentum geprägt worden und seine christlichen Wurzeln tragen und nähren auch heute trotz aller Säkularisierung millionenfach.“ Solche Worte von hoher österreichischer kirchlicher Autorität klingen in einer Zeit großer europäischer Kirchen- und Religionsflucht eher wie Durchhalteparolen des im Untergang befindlichen Dritten Reiches bzw. hier Europas, als irgendwie real begründet zu sein. In der Tat muss man hinter Statistiken und abstrakten Zahlen von Kirchenaustritten und Konfessionszugehörigkeiten blicken, um christliche Wertvorstellungen mit ihren gelebten Wurzeln qualifizieren und quantifizieren zu können.

Man muss die geistige Entfremdung von einem Teil der Menschen verstehen, die zu Recht feststellen, dass der sonntägliche Gottesdienstbesuch und die sieben Sakramente doch nicht alles sein können, was Gott zu bieten hat. Die Beziehung zur Mutter Kirche scheint dabei wie die zu Eltern zu sein, in der die Kinder erwachsen werden oder sind und es den Eltern nicht gelingt, die Beziehung den veränderten Gegebenheiten anzupassen. Die Rollenverteilung, die bei Kindern noch funktioniert hat, scheint so nicht mehr zu entsprechen. Nicht nur der Gebenden und Empfangende, Schenkende und Beschenkte, sondern auch der Duldende, Leidende und Ertragende wechselt plötzlich. Das was in der Kinderstube das Weite, Offene, Allumfassende und Ganzheitliche war, ist nun eng, starr und fremd geworden. Wahrscheinlich hatte auch der Hl. Apostel Paulus einen Teil dieser Konflikte auszutragen mit Jüngern, die am letzten Abendmahl waren, weil diese glaubten, pro multis erlöst zu sein und Paulus davon ausgeschlossen wäre. Wahrheit ist, dass Paulus, der nicht direkt mit Jesus in Kontakt stand, mehr für diesen getan hat als alle anderen zusammengenommen und bei dem pro multis auch nicht alle Anwesenden des letzten Abendmahls inkludiert sind oder waren. Dies ändert auch nichts daran, dass Paulus vielleicht derjenige war, der Jesus gegenüber die größte Schuld abzutragen hatte.

Alleine wie man beim Apostel Paulus sieht, ist es mit der Mutter Kirche und den „säkularisierten“ Kindern nicht so, dass man das Christentum weder an Quantität noch an der Qualität nach ihrer äußeren Form beurteilen kann. Andererseits sind nicht alle, die sich von der Mutter Kirche entfernt haben, Heilige Apostel im Sinne von Paulus. Die Kirche bleibt aber gerade diesen erwachsenen Kindern sehr vieles schuldig und die Menschen müssten in verantwortungsvoller Weise in die Freiheit, die Jesus für alle erkauft hat, herangeführt werden. Eltern können ihren Kindern auch nicht nur Geld und Wohnungsschlüssel in die Hand geben und dann ihrem Schicksal überlassen. Der Lernprozess mit heranwachsenden Kindern ist für Eltern oft schmerzlich aber dennoch wichtig und notwendig – lernen und wachsen doch beide dabei. Die Sorgen in diesem Prozess betreffen nicht den Prozess als solches, sondern vielmehr das Niveau auf dem dieser Prozess ausgetragen wird. Hier ist der Gradmesser wie tief die christlichen Wurzeln sind, und diese stehen in schlechter werdenden Zeiten ernsthaft auf dem Prüfstand.

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Die Menschen können nicht frei werden,
ohne zur Freiheit erzogen zu sein.
Henry Thomas Buckle (24.Nov. 1821 - 29.Mai 1862)